Schallplatte statt Urnengrab. Ein Beitrag zu Allerheiligen.

Kindertotenlieder

Heute ist Allerheiligen. Da pflügen deutschlandweit Hunderte mit Wasserkannen bewaffnete alte Weiblein über die Gräber ihrer tiefer gelegten Ehemänner, harken auf Teufel komm raus und zünden rote Kerzen an, damit die Toten bloß nicht mehr zurückkehren. Und am Wiener Zentralfriedhof tanzen die Verblichenen zur Musik von Wolfgang Ambros. Wir alle kennen das. Aber wollen wir das?

Es gibt Alternativen. Wir können uns als Fischfutter für verstörte Delphine ins Meer kippen lassen oder unsere Asche als Dünger in die sauren Wälder ausbringen. Seit einigen Jahren lassen sich unsere sterblichen Überreste auch zu handlichen Edelsteinen verdichten, die sich unsere überlebten Liebsten dann als Klunker an den Finger stecken können. Irgendwie geht das alles an meinen Interessen vorbei, was mich seit Jahren in finstere Trübsal und tiefe Trauer an jedem ersten November eines Jahres stürzt. 

Das muss nicht sein. Für gläubige Vinylisten wie mich gibt es endlich eine Alternative:

Presst meine Asche zur Schallplatte!

Die Firma „And Vinyly“ arbeitet die Asche Verstorbener in frisch gepresste Schallplatten ein. Die „Beerdigung“ findet in einem Schallplattenpresswerk in London statt. Denn natürlich stammt die Idee des „Vinyl-Sargs“ von der britischen Insel.

Ganz billig ist der letzte Gang mit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute freilich nicht: für 3.000 britische Pfund erhalten die glücklichen Erben die Asche aufgeteilt auf 30 Schallplatten, jede bespielt mit 24 Minuten Musik, Sprache oder alternativ mit dem gesammeltem Schweigen jenes höheren Wesens, das wir verehren. Gegen Aufpreis gibt es noch attraktive Zusatzleistungen, angefangen vom individuellen Cover-Bild, angefertigt ebenfalls auf Basis der stofflichen Überreste des Verstorbenen („Asche auf Leinen“), über individuell komponierte Trauermusik bis hin zur weltweiten Distribution der Trauerplatten über Schallplatten-Shops.

Vinyl statt Urne: von der Freiheit der Asche

Freilich steht der Vinylisierung unserer sterblichen Überreste noch immer das deutsche „Feuerbestattungsgesetz“ entgegen. Hierzulande muss die Urne zur Endlagerung einem ordentlichen Friedhof überstellt werden. Wo kämen wir denn sonst hin?

Dieses Unrecht stammt wie manches andere noch aus braunen Unzeiten, genauer: aus dem Jahr 1934. Die Schweiz ist da schon deutlich liberaler beim Umgang mit unserer Asche. Dort darf die „Urne“ mit den Überresten zeitlich befristet zuhause gelagert werden, und zwar „für die Dauer der nötigen Trauerbewältigung“.  Wie lange das ist – ich weiß es nicht. Und ob eine Schallplatte überhaupt als Urne im Sinne des eidgenössischen Gesetztes zu interpretieren ist – ich weiß es wieder nicht.

Mag also sein, dass es sich bei meiner Totenplatte um eine illegale Raubpressung handeln wird, eine Schwarzkopie

Wem das juristisch zu heikel ist, der kann ja wenigstens sein geliebtes Haustier vinylisieren. So landen endlich mal echte Animals auf dem Plattenteller und solch Cat Content könnte mir beinahe sympathisch werden. Unter uns: seit ich Pablo, meinem Papagei, von And Vinyly erzählt habe, wird er arg unruhig, sobald ich die Byrds auflege. Turn! Turn! Turn!

Mein letzter Wille sei jedenfalls hiermit kundgetan: Begrabt mein Herz auf dem Plattenteller. So kann ich wahrlich im Grabe rotieren. Und wenn ich diesbezüglich noch einen allerletzten Wunsch frei hätte, dann bitte auf einem clearaudio Innovation. Natürlich in Schwarz. Der wäre meiner würdig:

clearaudio innovation

In diesem Sinne: R.I.V.!

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